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19Jul/104

Heut´ mal nur ´ne Geschichte

Dem Pen­sio­när fiel´s anfangs schwär
Ein Rück­blick auf meine ers­ten sechs Wochen im (Un-)Ruhestand

31. Mai 2010. Nach 32 Jah­ren und 11 Mona­ten Dienst bei der Bun­des­wehr: Ende. Pen­sio­nie­rung. Ruhe­stand. Es fehlte mir ein Monat, um mit der gefor­der­ten Dienst­zeit von 33 Jah­ren die volle Punkt­zahl mei­ner Pen­si­ons­an­sprü­che zu errei­chen, aber da biss auch die­ses kleine graue Geschöpf mit dem dünn­be­haar­ten, bis­wei­len beschupp­tem Schwanz aus der Fami­lie der Nage­tiere kei­nen Faden ab. Irgendwo ist die Grenze.

Die beson­dere Alters­grenze hatte ich zwar erreicht, aber eben die­ses aus­schlag­ge­bende Limit unter­schrit­ten. Warum musste ich auch 1977 noch mein Recht auf Bil­dung in Anspruch neh­men und die Schule besu­chen? Hätte ich mich statt­des­sen vor mei­nem Dienst­an­tritt in Gos­lar hand­werk­lich gebil­det, wäre mir diese Lehre eine zuver­läs­sige Erbau­ung gewe­sen und hätte mir auf meine geleis­tete Wehr­dienst­zeit zur Fest­le­gung mei­ner Pen­si­ons­an­sprü­che ange­rech­net wer­den kön­nen. So aber nicht. Getreu einer Maxime des 16. Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­rika, Abra­ham Lin­coln, beschloss ich, die­sen Umstand zu ver­nach­läs­si­gen und sagte auch mir:

„Die meis­ten Men­schen sind so glück­lich, wie sie es sich selbst vor­ge­nom­men haben.“

Und nun war ich zu Hause. Das erste Wochen­ende nach Errei­chen der beson­de­ren Alters­grenze nahte … und ver­ging. Fast, im wahrs­ten Sinne des Wor­tes, uni­form. Am Sonn­tag­nach­mit­tag erwischte ich mich bei dem Gedan­ken, mei­nen (längst abge­ge­be­nen) „Waf­fen­rock“ für Mon­tag bereit legen zu wol­len. Ich dachte in irri­ger Annahme auch über die zu erwar­tende anfal­lende Arbeit der kom­men­den Woche nach, da ver­nahm ich eine innere Stimme, die mir frei nach Richard Wag­ners „Lohen­grin“ und mit der Beson­nen­heit des (Un-)Ruheständlers sagte: „„O Ronald! Trug­be­tör­ter Pen­sio­när! Halte ein!“

Plötz­lich war da nichts mehr mit einer Vor­be­rei­tung auf den Dienst, dem „Treff­punkt Park­platz“ und der stets so anre­gen­den gemein­sa­men Fahrt mit Tho­mas in Rich­tung Schor­tens. Ende einer Dienst­reise! Tho­mas fährt seit Juni allein … und ich kann aus­schla­fen! Aus­schla­fen? Wie, wenn „Mann“ es jah­re­lang gewohnt war, mit und teil­weise noch vor den Hüh­nern auf­zu­ste­hen und ich allein im Urlaub Tage benö­tigte, meine innere Uhr auf Frei­zeit und Erbau­ung umzustellen?

Wochen­lang war ich „die Num­mer Eins“. Der erste Kunde beim Bäcker. „Kön­nen Sie den Laden nicht für mich um 6:00 Uhr öffnen, Herr Stock?“ Erwar­tungs­voll sah mich eine noch etwas schlaf­be­dürf­tige Bäcke­rei­fach­ver­käu­fe­rin mit ihren reh­brau­nen Augen an. Oft erwar­tete ich krib­be­lig, über­pünkt­lich und ent­spre­chend unge­dul­dig die werk­täg­li­che Öffnung unse­res Lebens­mit­tel­mark­tes um 7:00 Uhr, die sich dann „wie­der end­los“ um volle 47 Sekun­den ver­zö­gerte. „So viel Zeit möcht´ ich haben!“ Schließ­lich könnte ja ein unvor­her­ge­se­he­ner Ver­sor­gungs­eng­pass auf­tre­ten. Und dann?

Die aus­wär­ti­gen Markt­be­schi­cker freu­ten sich schon bald über meine ver­läss­li­che Auf­bau­hilfe wäh­rend ihrer Wochen­markt­tage in unse­rem Ort, denn auch auf dem Rat­haus­platz lag ich, abge­se­hen von eini­gen „noto­ri­schen Früh­auf­ste­hern“, stets „in pole posi­tion“. Als die Mar­ke­ten­der erfuh­ren, dass ich auch noch den Brummi-Führerschein besitze, folg­ten schon bald ihre humor­vol­len Anre­gun­gen, mich als frühst­mor­gend­li­cher Außen­dienst­mit­ar­bei­ter in der Dis­zi­plin EGGO (Eier, Geflü­gel, Gemüse, Obst) zu etablieren.

Gin­gen andere, bewaff­net mit einer Tasse Kaf­fee und der Tages­zei­tung unter dem Arm, in ihre Gär­ten, kam ich bereits aus mei­nem „Frei­ge­hege“ zurück. Rasen­kan­ten, Sträu­cher, Büsche, Bäume, Blu­men, Hecken, Vogel­t­ränke und Gar­ten­mö­bel waren seit Stun­den auf Vor­der­mann gebracht. Wild­kräu­ter und Gar­ten­schäd­linge stri­chen meine grüne Insel inzwi­schen ersatz­los aus ihrem Adress­buch. Sperr­zone! Ich, der nie ein Kom­plize die­ser „Apos­tel mit dem grü­nem Dau­men“ war, mutierte zum „Gärt­ner Pötschke“.

Die Fahr­rä­der wur­den erbar­mungs­los gewar­tet und blitz­sau­ber poliert. Und ich erwischte mich mehr als nur ein­mal bei dem anar­chis­ti­schen Gedan­ken, einen kapi­ta­len Platt­fuß oder ein defek­tes Tret­la­ger an mei­nem Draht­esel her­bei zu seh­nen. Na, da hätte ich Arbeit. Zum Glück hat der Mensch Hob­bies! Doch die Beschäf­ti­gung mit der Modell­ei­sen­bahn bei 35°C auf dem Dach­bo­den trägt nicht wirk­lich zur Beschau­lich­keit und Ruhe bei. Ich foto­gra­fiere gern. Allein meine letz­ten Land­schafts­auf­nah­men aus unse­rem schö­nen Ammer­land (usA) könn­ten zum heu­ti­gen Zeit­punkt pro­blem­los meh­rere kom­plett text­lose(!) Bild­bände ab einer Sei­ten­zahl jen­seits der 150 füllen.

Es war nun nicht so, dass ich mich wäh­rend die­ser sechs Wochen lang­weilte, aber mich deran­gierte doch die uner­war­tet und über­reich­lich vor­han­dene freie Zeit(!)³

„Ich hätte mir schon lange einen Job gesucht!“ Ja, mir däm­mern die Gedan­ken der Leser mei­ner Zei­len. Diese Job-Suche nahm ich ja auch umge­hend und gedeih­lich auf. Doch dem recht­schaf­fen­den Mini-Jobber setzt die adle­räu­gige Ver­wal­tung schnell ein „P“ vor die so locker machende Neben­tä­tig­keit. Es gilt eine Ein­kom­mens­grenze zu wah­ren, sonst geht es dem Ver­sor­gungs­emp­fän­ger ebenso uner­bitt­lich wie berech­tigt an die Finan­zen. — „Dann eben Ehren­amt“, schla­gen Sie mir vor. Ja! Unbe­dingt! Aber was noch, wenn „Mann“ bereits zwei die­ser frei­wil­li­gen öffent­li­chen Ämter, die nicht auf Ent­gelt aus­ge­rich­tet sind, wahrnimmt?

Abschlie­ßend komme ich aber­mals auf die Devise des in einer Block­hütte in Ken­tu­cky gebo­re­nen US-Präsidenten zurück:

„Die meis­ten Men­schen sind so glück­lich, wie sie es sich selbst vor­ge­nom­men haben.“

„Ich bin glück­lich.“ — Mit mei­nem klei­nen Bei­trag wollte ich, nicht ohne über­mü­ti­ges Augen­zwin­kern, meine ers­ten Schritte auf dem Pfad des Ruhe­ständ­lers schil­dern. Sicher, es war eine sehr große Ver­än­de­rung, als ich mei­nen neuen Lebens­ab­schnitt betrat. Den anfäng­li­chen Ein­druck abzu­le­gen, „nur“ im Erho­lungs­ur­laub zu sein, fiel mir nicht „sooo“ schwer, aber es war erst ein­mal sehr unge­wöhn­lich, plötz­lich mehr „Zeit für das Wesent­li­che“ zu haben. Mehr Zeit für den Plausch über den Gar­ten­zaun, das Gespräch an der Tank­stelle, auf dem Wochen– und im Super­markt. Zeit für den Tratsch über „Gott und die Welt“ mit Freun­den, Nach­barn und Bekann­ten. Zeit und „Spiel­raum“ für Späße mit den Nach­bars­kin­dern. Zeit für den spon­ta­nen, da längst über­fäl­li­gen Besuch der Eltern weit jen­seits des „Weißwurst-Äquators“ oder für die immer wie­der zer­streu­ende „Foto­sa­fari“ durch usA.

Heute schreibe und foto­gra­fiere ich gele­gent­lich für die örtli­che Presse, bringe dann und wann schon ein­mal bun­des­weit Möbel zu Aus­stel­lun­gen, führe schon mal eine Rei­se­ge­sell­schaft in die Nie­der­lande, lenke eine Ver­eins­kasse, enga­giere mich wei­ter­hin für die Ev. Mili­tär­seel­sorge, gehe auf meine per­sön­li­chen „Foto­sa­fa­ris“, texte oder sitze mit mei­nen inzwi­schen nur noch schwäch­lich hell­grü­nen Dau­men im Gar­ten und „mache ein­fach mal nix“. Und sollte mir tat­säch­lich doch ein­mal „die Decke auf den Kopf fal­len“, so habe ich ja mei­nen Reser­vis­ten­aus­weis, der mir jeder­zeit den Besuch bei „mei­nen“ Objekt­schüt­zern in Schor­tens ermöglicht.

„Alle Lebe­we­sen außer den Men­schen wis­sen, dass der Haupt­zweck des Lebens darin besteht, es zu genie­ßen.„
Samuel But­ler (1835–1902, eng­li­scher Schrift­stel­ler, Phi­lo­soph und Essayist)

Con­fes­sio: Bis zum 31. Mai 2010 lag auch mir die­ser But­ler­sche Gedanke stets mehr als fern … ;-)

Kommentare (4) Trackbacks (0)
  1. Hallo Herr Stock,
    Sehr schön zu lesen Ihre Zei­len. Bis ich Ihren Zustand erreicht habe dau­ert es nach dem Wil­len der Bun­des­knapp­schaft noch 13 Jahre bei mir. Nicht das ich mei­nen Beruf ( des Gar­ten­ge­stal­ters ) nicht gern aus­übe, manch­mal könnte man ein wenig mehr Zeit für die ande­ren Dinge des Lebens gebrau­chen. Ich freu mich schon auf die nächs­ten Zei­len aus Ihrer Feder.
    Gruß vom Niederrhein

    Tho­mas Buchenauer

  2. Hallo Herr Buchenauer,

    als ich den Arti­kel „ins Netz gestellt“ hatte, dachte ich beim erneu­ten Durch­le­sen gleich an Sie. Ich hoffe, Sie neh­men mir als pro­fes­sio­nel­ler Gar­ten­ge­stal­ter die „Apos­tel mit dem grü­nen Daumen“-Formulierung nicht übel! Diese kleine „Spitze“ war mehr in Rich­tung mei­ner (sehr geschätz­ten) „Hob­by­gärt­ner“ aus dem Freun­des– und Bekann­ten­kreis bestimmt.

    Viele „grüne“ Grüße aus usA
    sen­det Ihnen
    Ronald Stock

  3. Moin „Zufrie­de­ner Pen­sio­när„
    Wie ich sehe, geht es dir tat­säch­lich gut in dei­nem Leben, wo man viel­leicht schon mal über­le­gen muss, ob das Hemd farb­lich zur Hose passt.
    Ich freue mich schon auf die Kaf­fee­pause auf dei­ner Ter­asse, wenn ich wie­der mal zwi­schen Olden­burg und Jever unter­wegs bin.
    Liebe Grüße auch an den Teil der Fami­lie, der noch nicht deine Art von Leben genie­ßen kann.

  4. Hallo Peter,

    vie­len Dank für Dei­nen net­ten Kom­men­tar! Natür­lich bist Du jeder­zeit, ich hab´ ja nun aus­rei­chend davon zur Ver­fü­gung, will­kom­men! Ich werde dann auch das pas­sende Hemd zur Hose tra­gen. Zumin­dest werde ich es ver­su­chen ;-)

    Viele Grüße!
    Ronald.


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