Heut´ mal nur ´ne Geschichte
Dem Pensionär fiel´s anfangs schwär
Ein Rückblick auf meine ersten sechs Wochen im (Un-)Ruhestand
31. Mai 2010. Nach 32 Jahren und 11 Monaten Dienst bei der Bundeswehr: Ende. Pensionierung. Ruhestand. Es fehlte mir ein Monat, um mit der geforderten Dienstzeit von 33 Jahren die volle Punktzahl meiner Pensionsansprüche zu erreichen, aber da biss auch dieses kleine graue Geschöpf mit dem dünnbehaarten, bisweilen beschupptem Schwanz aus der Familie der Nagetiere keinen Faden ab. Irgendwo ist die Grenze.
Die besondere Altersgrenze hatte ich zwar erreicht, aber eben dieses ausschlaggebende Limit unterschritten. Warum musste ich auch 1977 noch mein Recht auf Bildung in Anspruch nehmen und die Schule besuchen? Hätte ich mich stattdessen vor meinem Dienstantritt in Goslar handwerklich gebildet, wäre mir diese Lehre eine zuverlässige Erbauung gewesen und hätte mir auf meine geleistete Wehrdienstzeit zur Festlegung meiner Pensionsansprüche angerechnet werden können. So aber nicht. Getreu einer Maxime des 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Abraham Lincoln, beschloss ich, diesen Umstand zu vernachlässigen und sagte auch mir:
„Die meisten Menschen sind so glücklich, wie sie es sich selbst vorgenommen haben.“
Und nun war ich zu Hause. Das erste Wochenende nach Erreichen der besonderen Altersgrenze nahte … und verging. Fast, im wahrsten Sinne des Wortes, uniform. Am Sonntagnachmittag erwischte ich mich bei dem Gedanken, meinen (längst abgegebenen) „Waffenrock“ für Montag bereit legen zu wollen. Ich dachte in irriger Annahme auch über die zu erwartende anfallende Arbeit der kommenden Woche nach, da vernahm ich eine innere Stimme, die mir frei nach Richard Wagners „Lohengrin“ und mit der Besonnenheit des (Un-)Ruheständlers sagte: „„O Ronald! Trugbetörter Pensionär! Halte ein!“
Plötzlich war da nichts mehr mit einer Vorbereitung auf den Dienst, dem „Treffpunkt Parkplatz“ und der stets so anregenden gemeinsamen Fahrt mit Thomas in Richtung Schortens. Ende einer Dienstreise! Thomas fährt seit Juni allein … und ich kann ausschlafen! Ausschlafen? Wie, wenn „Mann“ es jahrelang gewohnt war, mit und teilweise noch vor den Hühnern aufzustehen und ich allein im Urlaub Tage benötigte, meine innere Uhr auf Freizeit und Erbauung umzustellen?
Wochenlang war ich „die Nummer Eins“. Der erste Kunde beim Bäcker. „Können Sie den Laden nicht für mich um 6:00 Uhr öffnen, Herr Stock?“ Erwartungsvoll sah mich eine noch etwas schlafbedürftige Bäckereifachverkäuferin mit ihren rehbraunen Augen an. Oft erwartete ich kribbelig, überpünktlich und entsprechend ungeduldig die werktägliche Öffnung unseres Lebensmittelmarktes um 7:00 Uhr, die sich dann „wieder endlos“ um volle 47 Sekunden verzögerte. „So viel Zeit möcht´ ich haben!“ Schließlich könnte ja ein unvorhergesehener Versorgungsengpass auftreten. Und dann?
Die auswärtigen Marktbeschicker freuten sich schon bald über meine verlässliche Aufbauhilfe während ihrer Wochenmarkttage in unserem Ort, denn auch auf dem Rathausplatz lag ich, abgesehen von einigen „notorischen Frühaufstehern“, stets „in pole position“. Als die Marketender erfuhren, dass ich auch noch den Brummi-Führerschein besitze, folgten schon bald ihre humorvollen Anregungen, mich als frühstmorgendlicher Außendienstmitarbeiter in der Disziplin EGGO (Eier, Geflügel, Gemüse, Obst) zu etablieren.
Gingen andere, bewaffnet mit einer Tasse Kaffee und der Tageszeitung unter dem Arm, in ihre Gärten, kam ich bereits aus meinem „Freigehege“ zurück. Rasenkanten, Sträucher, Büsche, Bäume, Blumen, Hecken, Vogeltränke und Gartenmöbel waren seit Stunden auf Vordermann gebracht. Wildkräuter und Gartenschädlinge strichen meine grüne Insel inzwischen ersatzlos aus ihrem Adressbuch. Sperrzone! Ich, der nie ein Komplize dieser „Apostel mit dem grünem Daumen“ war, mutierte zum „Gärtner Pötschke“.
Die Fahrräder wurden erbarmungslos gewartet und blitzsauber poliert. Und ich erwischte mich mehr als nur einmal bei dem anarchistischen Gedanken, einen kapitalen Plattfuß oder ein defektes Tretlager an meinem Drahtesel herbei zu sehnen. Na, da hätte ich Arbeit. Zum Glück hat der Mensch Hobbies! Doch die Beschäftigung mit der Modelleisenbahn bei 35°C auf dem Dachboden trägt nicht wirklich zur Beschaulichkeit und Ruhe bei. Ich fotografiere gern. Allein meine letzten Landschaftsaufnahmen aus unserem schönen Ammerland (usA) könnten zum heutigen Zeitpunkt problemlos mehrere komplett textlose(!) Bildbände ab einer Seitenzahl jenseits der 150 füllen.
Es war nun nicht so, dass ich mich während dieser sechs Wochen langweilte, aber mich derangierte doch die unerwartet und überreichlich vorhandene freie Zeit(!)³
„Ich hätte mir schon lange einen Job gesucht!“ Ja, mir dämmern die Gedanken der Leser meiner Zeilen. Diese Job-Suche nahm ich ja auch umgehend und gedeihlich auf. Doch dem rechtschaffenden Mini-Jobber setzt die adleräugige Verwaltung schnell ein „P“ vor die so locker machende Nebentätigkeit. Es gilt eine Einkommensgrenze zu wahren, sonst geht es dem Versorgungsempfänger ebenso unerbittlich wie berechtigt an die Finanzen. — „Dann eben Ehrenamt“, schlagen Sie mir vor. Ja! Unbedingt! Aber was noch, wenn „Mann“ bereits zwei dieser freiwilligen öffentlichen Ämter, die nicht auf Entgelt ausgerichtet sind, wahrnimmt?
Abschließend komme ich abermals auf die Devise des in einer Blockhütte in Kentucky geborenen US-Präsidenten zurück:
„Die meisten Menschen sind so glücklich, wie sie es sich selbst vorgenommen haben.“
„Ich bin glücklich.“ — Mit meinem kleinen Beitrag wollte ich, nicht ohne übermütiges Augenzwinkern, meine ersten Schritte auf dem Pfad des Ruheständlers schildern. Sicher, es war eine sehr große Veränderung, als ich meinen neuen Lebensabschnitt betrat. Den anfänglichen Eindruck abzulegen, „nur“ im Erholungsurlaub zu sein, fiel mir nicht „sooo“ schwer, aber es war erst einmal sehr ungewöhnlich, plötzlich mehr „Zeit für das Wesentliche“ zu haben. Mehr Zeit für den Plausch über den Gartenzaun, das Gespräch an der Tankstelle, auf dem Wochen– und im Supermarkt. Zeit für den Tratsch über „Gott und die Welt“ mit Freunden, Nachbarn und Bekannten. Zeit und „Spielraum“ für Späße mit den Nachbarskindern. Zeit für den spontanen, da längst überfälligen Besuch der Eltern weit jenseits des „Weißwurst-Äquators“ oder für die immer wieder zerstreuende „Fotosafari“ durch usA.
Heute schreibe und fotografiere ich gelegentlich für die örtliche Presse, bringe dann und wann schon einmal bundesweit Möbel zu Ausstellungen, führe schon mal eine Reisegesellschaft in die Niederlande, lenke eine Vereinskasse, engagiere mich weiterhin für die Ev. Militärseelsorge, gehe auf meine persönlichen „Fotosafaris“, texte oder sitze mit meinen inzwischen nur noch schwächlich hellgrünen Daumen im Garten und „mache einfach mal nix“. Und sollte mir tatsächlich doch einmal „die Decke auf den Kopf fallen“, so habe ich ja meinen Reservistenausweis, der mir jederzeit den Besuch bei „meinen“ Objektschützern in Schortens ermöglicht.
„Alle Lebewesen außer den Menschen wissen, dass der Hauptzweck des Lebens darin besteht, es zu genießen.„
Samuel Butler (1835–1902, englischer Schriftsteller, Philosoph und Essayist)
Confessio: Bis zum 31. Mai 2010 lag auch mir dieser Butlersche Gedanke stets mehr als fern …
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20. Juli 2010 - 20:24
Hallo Herr Stock,
Sehr schön zu lesen Ihre Zeilen. Bis ich Ihren Zustand erreicht habe dauert es nach dem Willen der Bundesknappschaft noch 13 Jahre bei mir. Nicht das ich meinen Beruf ( des Gartengestalters ) nicht gern ausübe, manchmal könnte man ein wenig mehr Zeit für die anderen Dinge des Lebens gebrauchen. Ich freu mich schon auf die nächsten Zeilen aus Ihrer Feder.
Gruß vom Niederrhein
Thomas Buchenauer
21. Juli 2010 - 17:54
Hallo Herr Buchenauer,
als ich den Artikel „ins Netz gestellt“ hatte, dachte ich beim erneuten Durchlesen gleich an Sie. Ich hoffe, Sie nehmen mir als professioneller Gartengestalter die „Apostel mit dem grünen Daumen“-Formulierung nicht übel! Diese kleine „Spitze“ war mehr in Richtung meiner (sehr geschätzten) „Hobbygärtner“ aus dem Freundes– und Bekanntenkreis bestimmt.
Viele „grüne“ Grüße aus usA
sendet Ihnen
Ronald Stock
27. Juli 2010 - 10:50
Moin „Zufriedener Pensionär„
Wie ich sehe, geht es dir tatsächlich gut in deinem Leben, wo man vielleicht schon mal überlegen muss, ob das Hemd farblich zur Hose passt.
Ich freue mich schon auf die Kaffeepause auf deiner Terasse, wenn ich wieder mal zwischen Oldenburg und Jever unterwegs bin.
Liebe Grüße auch an den Teil der Familie, der noch nicht deine Art von Leben genießen kann.
27. Juli 2010 - 11:30
Hallo Peter,
vielen Dank für Deinen netten Kommentar! Natürlich bist Du jederzeit, ich hab´ ja nun ausreichend davon zur Verfügung, willkommen! Ich werde dann auch das passende Hemd zur Hose tragen. Zumindest werde ich es versuchen
Viele Grüße!
Ronald.