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7Aug/080

Es war einmal: Vor vielen hundert Jahren …

Graf Anton Günther 1603 – 1667. Aus: Das Oldenburger Land. Isensee Verlag Oldenburg.Im Jahre 1867 stellte Peter Fried­rich Lud­wig Stra­cker­jan (1825–1881) seine zwei­bän­dige Aus­gabe »Aber­glaube und Sagen aus dem Her­zogt­hum Olden­burg« zusam­men. Diese Samm­lung, die bis heute als ein Stan­dard­werk für Olden­bur­ger Volks­über­lie­fe­run­gen gilt, ist nach sei­nen Wor­ten „eine zu wis­sen­schaft­li­cher Benut­zung wohl geeig­nete Schrift“, die „auch geeig­net, darin zu lesen“ sei. Ich fand darin Unter­hal­ten­des über die schein­bar hohe Lebens­er­war­tung der Ost­frie­sen und im beson­de­ren der Olden­bur­ger vor vie­len hun­dert Jahren.

Ludwig Strackerjan: „Aberglaube und Sagen“ Zweiter Band, Oldenburg 1867.„Einst hatte der Graf Anton Gün­ther von Olden­burg Besuch von dem Häupt­ling zu Greet­siel, und als die­ser abreiste, gab er ihm über Gris­tede das Geleite.

Gristede. Vorbei an Wiefelstede in Richtung Bad Zwischenahn erreicht man die Bauerschaft.Unter­wegs behaup­tete der Häupt­ling, daß die Men­schen in Ost­fries­land ein höhe­res Lebens­al­ter erreich­ten, als in der Graf­schaft Olden­burg. Der Graf wollte diese Behaup­tung so all­ge­mein nicht gel­ten las­sen, weil doch Klima, Boden, Men­schen und Lebens­weise der Men­schen hier so wenig ver­schie­den seien. Auch bestä­tige die Erfah­rung sie nicht, indem man auch in sei­nem Lande recht alte Leute finde.

Helle. Geographische Informationen: Breite/Länge 53.22⁄8.03Wäh­rend die­ses Gesprä­ches kamen sie in Helle an, wo ein damals sehr berühm­ter, jetzt ver­sieg­ter Heil­brun­nen war, und sahen am Wege einen eis­grauen Mann sit­zen, der die Schweine hütete. Der Graf fragte ihn um sein Alter, und der Mann ant­wor­tete zum Erstau­nen der bei­den Her­ren: »Sie­ben­hun­dert Jahr.« Auf nähere Nach­fra­gen erfuh­ren sie denn frei­lich, daß der Alte 700 und 107 ver­wech­selt hatte.

Kam der Graf hier vorbei?Dem Gra­fen gefiel indes der alte Mann, und als er erfuhr, daß der­selbe einen tüch­ti­gen wacke­ren Sohn habe, gab er die­sem die Heil­quelle mit vie­len umlie­gen­den Län­de­reien in Erbpacht.“

Gab es den Gesundbrunnen in Helle?Hei­mat­kund­lich sehr inter­es­siert, habe ich meine Bücher befragt und fol­gere aus die­sen und der „zu wis­sen­schaft­li­cher Benut­zung wohl geeig­ne­ten Schrift“, dass Graf Anton Gün­ther (1583 — 1667), der 20jährig im Jahre 1603 die Regie­rung über­nahm, zu jener Zeit mit Enno III. (1563 — 1625) aus dem Hause Cirk­sena, der in den Jah­ren 1599 bis 1625 Graf von Ost­fries­land war, über Gris­tede in Rich­tung Ost­fries­land gerit­ten sein könnte.

Versteckte Brücke im Dunghorst.Dies unter Umstän­den auf dem Frie­si­schen Heer­weg, der auf­grund sei­ner leicht erha­be­nen Lage sicher durch die ansons­ten fast unzu­gäng­li­chen Moor­ge­biete führte.

Die alten Cirk­sena waren eine mit­tel­al­ter­li­che Häupt­lings­fa­mi­lie im Nor­der­land, einer his­to­ri­schen Land­schaft, gele­gen am nord­west­li­chen Rand Ost­fries­lands. In direk­ter Nach­bar­schaft zum Wat­ten­meer, umfasst das Land ein wei­tes Gebiet rund um die Stadt Norden.

Als mög­li­che Greet­sie­ler Häupt­linge, denen der Olden­bur­ger Graf anno dazu­mal im Ammer­land Geleit gege­ben haben mag, kämen indes aber auch die nach­fol­gend genann­ten „Hovet­linge“ oder „Capi­ta­les“ in Frage:

- Der zweite Sohn Enno III., Rudolf Chris­tian (1602 — 1628), der von 1625 bis 1628 Graf von Ost­fries­land war. Er wäre unter Berück­sich­ti­gung der Regie­rungs­zeit sei­nes Vater und sei­nes frü­hen Todes zum mög­li­chen Zeit­punkt des Gris­te­der Rit­tes maxi­mal 15 Jahre alt gewe­sen. Sehr jung für einen ost­frie­si­schen Häuptling.

- Ulrich II. (1605 — 1648), der nach dem uner­war­te­ten Tod sei­nes Bru­ders Rudolf Chris­tian am 17. April 1628 das Amt des Gra­fen von Ost­fries­land antrat.

- Enno Lud­wig (1632 — 1660) selbst, der von 1651 bis 1660 Lan­des­herr von Ost­fries­land war.

- Georg Chris­tian (1634 — 1665), der nach dem Tod sei­nes Bru­ders Enno Lud­wig von 1660 bis 1665 Lan­des­herr von Ost­fries­land war. Ein Zusam­men­tref­fen mit ihm, würde bedeu­ten, dass Graf Anton Gün­ther noch mit min­des­tens 77 bzw. höchs­tens 82 Jah­ren im Sat­tel geses­sen hätte.

Obwohl auch diese bei­den Damen in den zeit­li­chen Rah­men der Legende pas­sen, schließe ich

- Juliane von Hessen-Darmstadt (1606 — 1659), die Frau des Gra­fen Ulrich II., die vor­mund­schaft­lich bis 1651 die Regie­rung für Enno Lud­wig führte und

- die gebür­tige Stutt­gar­te­rin Chris­tine Char­lotte (1645 — 1699), die nach dem Tod ihres Man­nes Georg Chris­tian im Jahre 1665 für die Dauer von 25 Jah­ren vor­mund­schaft­lich in Ost­fries­land regierte,

aus, denn in der von Lud­wig Stra­cker­jan über­lie­fer­ten Erzäh­lung ist von zwei erstaun­ten Her­ren, die auf den 107 Jahre alten Mann tref­fen, die Rede.

Als „Heimatkundler-aus-Spass-an-der-Freud“ kann ich keine sichere Aus­sage zu die­ser „sagen­haf­ten Begeg­nung“ tref­fen. So sehe ich mei­nen „legen­dä­ren Aus­flug“ in die Olden­bur­ger Über­lie­fe­rung auch mehr als anre­gende Zer­streu­ung und erhebe kei­nen wis­sen­schaft­li­chen Anspruch auf meine indi­vi­du­el­len Betrachtungen.

Der Gesundbrunnen an der Grünen Linie.Was ist nun aus dem geheim­nis­volle Heil­kräfte spen­den­den Brun­nen zu Helle gewor­den? Er ver­lor der Sage nach seine erqui­ckende Eigen­schaft und ver­siegte schließ­lich. Geld­gie­rige Men­schen sol­len ihn wäh­rend einer gro­ßen Tro­cken­heit zur Siche­rung ihrer durch die­sen Quell spru­deln­den Ein­nah­men mit frem­dem Was­ser befüllt haben. Dies war sein jähes Ende.

  • Quel­len:
    – Aber­glaube und Sagen aus dem Her­zogt­hum Olden­burg. P.F.L. Stra­cker­jan. Ger­hard Stal­ling Ver­lag, Olden­burg 1867.
    – Das Olden­bur­ger Land. Ein star­kes Stück Nie­der­sach­sen. Olden­bur­gi­sche Land­schaft. Isen­see Ver­lag, Olden­burg 2007.
    – Bio­gra­phi­sches Hand­buch zur Geschichte des Lan­des Olden­burg. Isen­see Ver­lag, Olden­burg 1992.
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