Es war einmal: Vor vielen hundert Jahren …
Im Jahre 1867 stellte Peter Friedrich Ludwig Strackerjan (1825–1881) seine zweibändige Ausgabe »Aberglaube und Sagen aus dem Herzogthum Oldenburg« zusammen. Diese Sammlung, die bis heute als ein Standardwerk für Oldenburger Volksüberlieferungen gilt, ist nach seinen Worten „eine zu wissenschaftlicher Benutzung wohl geeignete Schrift“, die „auch geeignet, darin zu lesen“ sei. Ich fand darin Unterhaltendes über die scheinbar hohe Lebenserwartung der Ostfriesen und im besonderen der Oldenburger vor vielen hundert Jahren.
„Einst hatte der Graf Anton Günther von Oldenburg Besuch von dem Häuptling zu Greetsiel, und als dieser abreiste, gab er ihm über Gristede das Geleite.
Unterwegs behauptete der Häuptling, daß die Menschen in Ostfriesland ein höheres Lebensalter erreichten, als in der Grafschaft Oldenburg. Der Graf wollte diese Behauptung so allgemein nicht gelten lassen, weil doch Klima, Boden, Menschen und Lebensweise der Menschen hier so wenig verschieden seien. Auch bestätige die Erfahrung sie nicht, indem man auch in seinem Lande recht alte Leute finde.
Während dieses Gespräches kamen sie in Helle an, wo ein damals sehr berühmter, jetzt versiegter Heilbrunnen war, und sahen am Wege einen eisgrauen Mann sitzen, der die Schweine hütete. Der Graf fragte ihn um sein Alter, und der Mann antwortete zum Erstaunen der beiden Herren: »Siebenhundert Jahr.« Auf nähere Nachfragen erfuhren sie denn freilich, daß der Alte 700 und 107 verwechselt hatte.
Dem Grafen gefiel indes der alte Mann, und als er erfuhr, daß derselbe einen tüchtigen wackeren Sohn habe, gab er diesem die Heilquelle mit vielen umliegenden Ländereien in Erbpacht.“
Heimatkundlich sehr interessiert, habe ich meine Bücher befragt und folgere aus diesen und der „zu wissenschaftlicher Benutzung wohl geeigneten Schrift“, dass Graf Anton Günther (1583 — 1667), der 20jährig im Jahre 1603 die Regierung übernahm, zu jener Zeit mit Enno III. (1563 — 1625) aus dem Hause Cirksena, der in den Jahren 1599 bis 1625 Graf von Ostfriesland war, über Gristede in Richtung Ostfriesland geritten sein könnte.
Dies unter Umständen auf dem Friesischen Heerweg, der aufgrund seiner leicht erhabenen Lage sicher durch die ansonsten fast unzugänglichen Moorgebiete führte.
Die alten Cirksena waren eine mittelalterliche Häuptlingsfamilie im Norderland, einer historischen Landschaft, gelegen am nordwestlichen Rand Ostfrieslands. In direkter Nachbarschaft zum Wattenmeer, umfasst das Land ein weites Gebiet rund um die Stadt Norden.
Als mögliche Greetsieler Häuptlinge, denen der Oldenburger Graf anno dazumal im Ammerland Geleit gegeben haben mag, kämen indes aber auch die nachfolgend genannten „Hovetlinge“ oder „Capitales“ in Frage:
- Der zweite Sohn Enno III., Rudolf Christian (1602 — 1628), der von 1625 bis 1628 Graf von Ostfriesland war. Er wäre unter Berücksichtigung der Regierungszeit seines Vater und seines frühen Todes zum möglichen Zeitpunkt des Gristeder Rittes maximal 15 Jahre alt gewesen. Sehr jung für einen ostfriesischen Häuptling.
- Ulrich II. (1605 — 1648), der nach dem unerwarteten Tod seines Bruders Rudolf Christian am 17. April 1628 das Amt des Grafen von Ostfriesland antrat.
- Enno Ludwig (1632 — 1660) selbst, der von 1651 bis 1660 Landesherr von Ostfriesland war.
- Georg Christian (1634 — 1665), der nach dem Tod seines Bruders Enno Ludwig von 1660 bis 1665 Landesherr von Ostfriesland war. Ein Zusammentreffen mit ihm, würde bedeuten, dass Graf Anton Günther noch mit mindestens 77 bzw. höchstens 82 Jahren im Sattel gesessen hätte.
Obwohl auch diese beiden Damen in den zeitlichen Rahmen der Legende passen, schließe ich
- Juliane von Hessen-Darmstadt (1606 — 1659), die Frau des Grafen Ulrich II., die vormundschaftlich bis 1651 die Regierung für Enno Ludwig führte und
- die gebürtige Stuttgarterin Christine Charlotte (1645 — 1699), die nach dem Tod ihres Mannes Georg Christian im Jahre 1665 für die Dauer von 25 Jahren vormundschaftlich in Ostfriesland regierte,
aus, denn in der von Ludwig Strackerjan überlieferten Erzählung ist von zwei erstaunten Herren, die auf den 107 Jahre alten Mann treffen, die Rede.
Als „Heimatkundler-aus-Spass-an-der-Freud“ kann ich keine sichere Aussage zu dieser „sagenhaften Begegnung“ treffen. So sehe ich meinen „legendären Ausflug“ in die Oldenburger Überlieferung auch mehr als anregende Zerstreuung und erhebe keinen wissenschaftlichen Anspruch auf meine individuellen Betrachtungen.
Was ist nun aus dem geheimnisvolle Heilkräfte spendenden Brunnen zu Helle geworden? Er verlor der Sage nach seine erquickende Eigenschaft und versiegte schließlich. Geldgierige Menschen sollen ihn während einer großen Trockenheit zur Sicherung ihrer durch diesen Quell sprudelnden Einnahmen mit fremdem Wasser befüllt haben. Dies war sein jähes Ende.
- Quellen:
– Aberglaube und Sagen aus dem Herzogthum Oldenburg. P.F.L. Strackerjan. Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg 1867.
– Das Oldenburger Land. Ein starkes Stück Niedersachsen. Oldenburgische Landschaft. Isensee Verlag, Oldenburg 2007.
– Biographisches Handbuch zur Geschichte des Landes Oldenburg. Isensee Verlag, Oldenburg 1992.