Radegunde. Eine thüringische Königstochter
Im Jahre 1057 wurde die Kirche in Wiefelstede errichtet. Erzbischof Adalbert von Bremen weihte sie dem Täufer Johannes und der fränkischen Königin Radegunde (Radegundis). Der Täufer Johannes, Sohn der Elisabeth und des Zacharias, ist vielen entsprechend bekannt, aber wer war Radegunde?
Radegunde von Thüringen wird um 518/520 in Erfurt geboren. Ihr Vater, König Berthachar (Berthar) von Thüringen, wurde im Bruderkampf getötet. Auch die Mutter verstarb früh. Mit ihrem etwa zehn Jahre jüngeren Bruder wuchs Radegunde am Hofe ihres Onkels Hermenefried (Irminfried), auf der Burg Seithungi (Burgscheidungen in Sachsen-Anhalt), auf. Hermenefried, Sohn des Bisin und der Basina, besiegte und tötete seinen Bruder Berthachar und rief dann den merowingischen König Theuderich I. gegen seinen Bruder Baderich zu Hilfe. Er versprach ihm dessen halbes Reich. Dieser Verpflichtung kam er jedoch nicht nach und wurde daraufhin 533 bei einem Besuch Theuderichs in Zülpich von der Stadtmauer gestürzt und getötet.
Verantwortungslose Machtpolitik brachte dem Thüringischen Reich den Untergang. Das Land erlag den anstürmenden Franken und Sachsen. Radegunde wurde eine Gefangene des Frankenkönigs Chlothar I. Im Alter von 13 Jahren wurden sie und ihr namentlich nicht bekannter Bruder von den Franken nach Neustrien (das Gebiet zwischen Schelde und Loire) auf das königliche Landgut Athies bei Péronne an der Somme verschleppt.
Die furchtbaren Geschehnisse aus dieser Zeit sollte sie nie vergessen. Als Geisel wird Radegunde am Hofe des Frankenkönigs Chlothar erzogen und später, nachdem dessen Hauptfrau und vierte Gattin, Königin Ingunde, vor 540 stirbt, sogar mit ihm in Athies (Artois) verheiratet. Als Chlothar I. um 550 als Vergeltung für einen Aufstand der Thüringer Radegundes Bruder ermordet, flieht sie nach Noyon, trennt sich von dem Frankenkönig und sucht den Schutz der Kirche. Sie verzichtet auf mögliche Rache und lässt sich von Bischof Medardus, der dem fränkischen Adel entstammte, zur Diakonin weihen. Dies kam einer Scheidung gleich.
Mit Hilfe des ihr auch nach der Trennung weiterhin überlassenen beträchtlichen Vermögens gründete sie in Saix (im Grenzgebiet zwischen Touraine und Poitou ) eine freie Gemeinschaft von Frauen und Mädchen zur Pflege Kranker und Notleidender. Die befestigte Anlage wurde vor den Toren Poitiers (im Nordwesten von Frankreich) gebaut und war eine der ersten Klostergründungen. Wer dem Klosterleben beitreten wollte, hatte dies auf Lebenszeit zu tun, musste auf sein Eigentum verzichten und nach strengsten Regeln leben.
Gegenüber Königen und Würdenträgern nahm Venantius Fortunantus die Interessen des Klosters wahr. Das Kloster Sainte-Marie-hors-les-Murs, das heute noch besteht, erhielt später, als Radegunde von Kaiser Justinian eine Kreuzreliquie erhielt, den Namen Sainte Croix.
Radegunde sorgte für die Verbreitung des Christentums. Sie opferte sich für den christlichen Glauben auf und kämpfte für dessen Stärkung. Sie bemühte sich um vernachlässigte Kinder und Kranke und bat mit unterschiedlichem Erfolg um die Aufhebung von Todesurteilen.
Der wohl wichtigste Zeuge dieser geistes– und weltgeschichtlich bewegten Zeit im 6. Jahrhundert ist neben der Nonne Baudonivia (auch: Vaudonivia), der italienische Dichter und Priester Venantius Honorius Clementianus Fortunatus, dessen Bekanntschaft Radegunde um 565 machte. Ihm gewährte sie freundliche Aufnahme und er wurde ihr ein wertvoller Ratgeber und enger Vertrauter. Die Königin und die Äbtissin Agnes, von der man glaubt, sie sei eine Adoptivtochter Radegundes, bedeuteten für ihn Mutter und Schwester. Der im Mittelalter beliebte Schreiber Erzbischof Hildebert von Le Mans (auch: Hildebert von Lavardin bzw. Hildebert von Tours) verfasste mehr als ein halbes Jahrtausend nach Radegundes Tod aus den Aufzeichnungen des Venantius Fortunantus (nach 587) und der Baudonivia (um 612) einen dritten curriculum vitae.
In Norddeutschland weiß man nur wenig über die thüringische Königstochter. In Frankreich, aber auch in England, Österreich und Süddeutschland verehrt man sie als Heilige. In Österreich sind Orte bei Graz (St. Radegund) und bei Linz nach ihr benannt.
Fast siebzigjährig starb Radegunde am 13. August 587. Gregor von Tours bestattete sie in der Krypta ihrer Klosterkirche (später Sainte Radegonde). Bei einer Öffnung des Grabes im Jahr 1012 soll der Leichnam vollständig erhalten gewesen sein. 1562 wurde die Grabstätte von Hugenotten aufgebrochen und geplündert, die Gebeine teilweise verbrannt.
Einige „Komparsen“ dieser Lebensgeschichte in der Reihenfolge ihres „Auftritts“:
Erzbischof Adalbert von Hamburg-Bremen
Um 1000 an der Saale geboren. 16. März 1072 in Goslar gestorben, beigesetzt im Dom zu Bremen, Sohn des Thüringer Grafen Friedrich von Goseck. Zunächst Domherr, war seit 1032 Dompropst in Halberstadt und gehörte unter Heinrich III. vielleicht auch der königlichen Kapelle an. 1043 ernannte ihn der König zum Erzbischof von Hamburg-Bremen.
Graf Friedrich von Goseck (Friedrich I.)
Pfalzgraf von Sachsen (1038–1042)
Graf von Goseck
Graf von Merseburg
Jüngerer Sohn des Pfalzgrafen Burchard I. von Sachsen aus dem Hause Goseck und der Oda von Merseburg, Tochter von Pfalzgraf Siegfried II.
Elisabeth
Sie stammte aus dem Priestergeschlecht Aarons und war verwandt mit Maria, der Mutter Jesu. Verheiratet mit dem Priester Zacharias. Die Ehe war kinderlos geblieben. Der Erzengel Gabriel erschien ihrem Mann und prophezeite ihm einen Sohn (Lukasevangelium 1, 5 — 20).
Zacharias
Er und seine Frau Elisabeth lebten wohl in En Kerem bei Jerusalem. Er war Priester am Tempel in Jerusalem, Im hohen Alter erschien ihm eines Tages der Erzengel Gabriel und verhieß ihm die Geburt eines Sohnes.
Berthachar
Er war nach 500 zusammen mit seinen Brüdern Balderich und Irminfried (Hermenefried) König von Thüringen. Eine Schwester hieß Radegund/Radegunde (nach Paulus Diaconus auch Rathecunda, Ranicunda, Radicunda oder Radegunda). Sie war mit dem Langobardenkönig Wacho verheiratet.
Berthachar war einer von drei Söhnen des Königs Bisinus und hatte mit seiner namentlich nicht bekannten Frau eine Tochter namens Radegundis, die später vom Frankenkönig Chlothar I. zur Heirat gezwungen wurde und mehrere (mindestens zwei) ebenfalls unbekannte Söhne hatte, dann ins Kloster ging und später heilig gesprochen wurde.
Um 528/529 überfiel Irminfried seinen Bruder Berthachar auf dessen Burg Isenstein, tötete ihn und nahm Radegundis und ihren Bruder gefangen. Neuere Forschungen gehen allerdings davon aus, dass Berthachar bei einem ersten erfolglosen Invasionsversuch der Franken um 528/29 ums Leben gekommen ist.
Hermenefried (Herminafrid)
Ältester Sohn des Königs Bisinius und der Menia. Herminafrid regierte bis 516 gemeinschaftlich mit seinen Brüdern Balderich und Berthachar, tötete auf Anstiften seiner herrschsüchtigen Gemahlin Berthachar und verband sich gegen Balderich mit dem Franken-König Theuderich I. Als Balderich 516 besiegt und gefallen war und Hermenefrid sich weigerte, seinem Versprechen gemäß dem Franken-König die Hälfte des Landes abzutreten, zog dieser gemeinsam mit seinem Bruder Chlothar I. und den Sachsen gegen ihn und schlug ihn 531 in der Nähe von Burgscheidungen an der Unstrut. Herminafrid zog sich in den südlichen Teil seines Reiches zurück und wurde 534 in Zülpich bei Verhandlungen ermordet.
Bisin (Bisinius)
König der Thüringer (* um 470 - † 510). Unter seiner Führung strebte das Thüringer-Reich dem Höhepunkt seiner Macht entgegen, die er durch zielgerichtete Heiratspolitik zu festigen trachtete. Seine Tochter Radegunde heiratete den Langobarden-König Wacho, sein Sohn Herminafrid die Nichte des Ostgoten-Königs Theoderich. Seine Schwester Basena war die Gattin des Franken-Königs Childerich I. und Mutter Chlodwigs I. Bisinius teilte das Reich unter seine Söhne.
Theuderich I.
Merowingischer König. * vor 484 — † Ende 533. Der älteste Sohn Chlodwigs I. aus einer vorehelichen Verbindung teilte nach dem Tod des Vaters 511 das Reich mit seinen drei Halbbrüdern und erhielt ein gutes Drittel der Francia (den Nordosten mit allen rechtsrheinischen Gebieten) sowie aus dem aquitanischen Block die Auvergne und das Limousin — den weitaus größten Anteil; Residenz wurde Reims. Bereits 508 hatte er in Chlodwigs Auftrag einen Feldzug in die Auvergne unternommen. Seine Expansionsinteressen richteten sich auf Germanien, wo er 531 mit Chlothar I. und sächsischer Unterstützung gegen die Thüringer zog (bedeutender Sieg an der Unstrut); der thüringische König Herminafrid, 533 zum Besuch eingeladen, wurde in Zülpich durch Sturz von der Stadtmauer getötet. Theuderich I. gewann die thüringischen Gebiete an Saale, Elbe und Main; die Eroberungen nördlich der Unstrut überließ er den Sachsen gegen Tribut. Trotz massiven Drängens seiner Krieger beteiligte er sich 532 nicht am burgundischen Feldzug seiner Brüder.
Venantius Fortunatus
Christlich-lateinischer Dichter, * um 530 in Treviso (Oberitalien), † vor 610 in Poitiers. Er studierte in Ravenna und unternahm 565 zum Dank für die Befreiung von einem Augenleiden eine Wallfahrt zum Grab des heiligen Martin von Tours, die aber durch einen zweijährigen Aufenthalt am Hof Sigiberts von Austrasien unterbrochen wurde. 567 kam er nach Poitiers.
Chlothar I.
König der Franken (* 511 — † 560/61). Jüngster Sohn des Franken-Königs Chlodwig I. und der Chrodechilde von Burgund,
Ingunde
Königin der Franken.
Medardus
Er war Mitte des 6. Jahrhunderts Bischof von Vermandois, dann von Noyon und später von Tournai, von wo aus er Flandern missionierte. Er starb in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts und wurde auf Geheiß des Königs im später nach ihm benannten Kloster Saint-Médard in Soissons nördlich von Paris begraben. Medardus war für seine Mildtätigkeit bekannt und wurde heilig gesprochen.
Justinian I., der Große
Eigentlich Flavius Petrus Sabbatius, (* 482 — † 565), römischer Kaiser (527–565).
Gregor von Tours
Bischof, fränkischer Geschichtsschreiber, * 30.11. 538 oder 539 in Averna, dem heutigen Clermont-Ferrand, † 17.11. 594 in Tours. — Gregor von Tours entstammte einem gallorömischen Senatorengeschlecht. Er verlor früh seinen Vater und wurde von dem Bruder seines Vaters, Gallus, Bischof von Clermont (546 bis 554), in christlicher Frömmigkeit erzogen.
Meine Quellen:
- „Encyklopädie der katholischen Theologie und ihrer Hilfswissenschaften“ von Heinrich Joseph Wetzer und Benedikt Welte. 1852.
- Ökumenisches Heiligenlexikon
- Baudonivia: De Vita Sanctae Radegundis
- Venantius Fortunatus: Vita S. Radegundis
- Hildebert von Le Mans, Vita Radegundis
- http://www.mittelalter-genealogie.de
- http://www.stadtmuseum-erfurt.de
- http://www.muehlberg-online.de
- http://www.mdr.de
- http://www.ceiberweiber.at
- http://pfarramt-muehlberg.de
- http://www.heiligenlegenden.de
- http://www.bbkl.de
07. März 2010 - 13:10
Viel Arbeit habe ich in diese Seite investiert. Meine Quellen nannte ich. So, wie es sich gehört! Schade, dass sich andere „Nutzer“ meines Beitrages inkl. der Quellen, auch nach freundlicher Aufforderung, nicht an die Spielregeln halten.
Ronald Stock