Wenn der Tag gekommen ist
Er liegt ein wenig versteckt zwischen den Rhododendren vor dem Stabsgebäude: ein Gedenkstein mit der Aufschrift „Unseren toten Kameraden“. Im November 1985 legten hier erstmalig Vertreter der Royal Air Force und der deutschen Luftwaffe Kränze nieder. Als Ausdruck guter gegenseitiger Beziehungen sollte dieses Zeremoniell noch zu Zeiten des Jagdbombergeschwaders 38 „Friesland“ jährlich wiederholt werden.
Etwas abseits dieses Gedenksteins steht ein weiterer, ca. 190 cm hoher und 40 cm breiter Stein mit den Namen dreier Piloten: Hauptmann Bär, Unteroffizier Riehs und Unteroffizier Mayer. Darunter findet sich jeweils das Datum ihrer Todestage. Mehr verrät diese nahezu unbemerkte Gedenkstätte nicht.
Wer waren diese drei Soldaten? Interessiert an ihrem Schicksal begann ich meine Suche und konnte die folgende knappe Geschichte zusammentragen. Ich nenne es in erster Linie eine Erzählung, denn gänzlich aufzeigen oder lückenlos beweisen kann ich meine Ausführungen nicht. Mir fehlen Dokumente und daher enthalte ich mich vager Vermutungen und undienlicher Interpretationen.
Hauptmann Ernst Bär startete am 18. August 1943 zu einem Werkstattflug. Er war Angehöriger des Stabes des Jagdgeschwaders (JG) 11, das im April 1943 durch die Aufteilung des Jagdgeschwaders 1 entstanden war. Beide deutschen Jagdgeschwader wurden überwiegend zur Abwehr alliierter Bomberangriffe auf das damalige Reichsgebiet eingesetzt. Bär flog an diesem Tag eine Messerschmidt Bf 109, exakt das Modell Bf 109 G-6/Y, das als Führungsmaschine für Staffel– und Gruppenführer Verwendung fand. Bei Carolinensiel stürzte er aus unbekannter Ursache mit dieser Maschine ab. Weitere Nachforschungen verliefen ergebnislos. An der Absturzstelle in Wangerland errichtet man ein Holzkreuz, das später seinen Platz auf dem Fliegerhorst in Upjever fand.
Auch die Namen zweier weiterer Piloten, die von 1943 bis 1986 als vermisst galten, fanden ihren Platz auf diesem Kreuz in Upjever, das in der Folge durch einen Gedenkstein ersetzt wurde.
Einer dieser beiden Flugzeugführer war der Unteroffizier Georg Riehs. Als Angehöriger der 8./JG 1 war der am 17. Dezember 1916 geborene Riehs am 3. November 1943 mit seiner Messerschmidt Bf 109 G-6 an einem Luftkampf im Raum Emden beteiligt. Seit diesem Tag galt er als vermisst. Allein acht Angehörige des III./JG 1 fielen während dieses Luftkampfes. Im Jahre 1986 wurde Riehs´ Leichnam bei Neuharlingersiel geborgen. Er war 1943 in seiner Maschine ums Leben gekommen.
Bereits am 4. Februar 1943 war Unteroffizier Rudolf Mayer, Angehöriger der 12./JG 1, im Luftkampf mit den wohl bekanntesten amerikanischen Bombern des Zweiten Weltkrieges, B-17 Flying Fortress, östlich von Leer in einer Focke-Wulf Fw 190 A-4 ums Leben gekommen. Die seinerzeit verfasste „Verlustmeldung“ besagt, dass Mayer gemeinsam mit einer B-17, noch schießend, zu Boden gegangen sei. Rudolf Mayer, geboren am 1. Oktober 1921, wurde 1986 bei Stickhausen, Samtgemeinde Jümme im Landkreis Leer, aus seiner Maschine geborgen.
Ohne das Andenken an die drei Flugzeugführer schmälern zu wollen, bleibt eine meiner Fragen offen: Warum wurde allein für sie anfangs ein Kreuz und später ein Gedenkstein aufgestellt? Meine Theorie, dass man ihrer, da sie als vermisst galten, auf diese Weise gedenken wollte, erwies sich schnell als Irrtum, denn einzig im Zeitraum April bis Dezember 1943 galten 30 Flugzeugführer der Jagdgeschwader 1 und 11 als vermisst.
Quellenangaben:
- „Jagdgeschwader 1 und 11 — Einsatz in der Reichsverteidigung von 1939 bis 1945, Teil 1 bis 3“; Jochen Prien, Peter Rodeike; struve-druck, Eutin.
- „Fliegerhorst Upjever – Luftwaffe in Friesland – Versuch einer Dokumentation 1936 – 1986“; Sybille Schneider; Meox-Druck GmbH, München.
- http://www.ostfriesischelandschaft.de
- http://de.wikipedia.org
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